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Predigten

Predigt am 2. Advent

06. April 2020  / Lauenburg

Pastor Graffam

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

„Advent feiern heißt warten können; Warten ist eine Kunst, die unsere ungeduldige Zeit vergessen hat. Sie will die reife Frucht brechen, wenn sie kaum den Sprößling setzte. Wer nicht die herbe Seligkeit des Wartens, das heißt des Entbehrens in Hoffnung, kennt, der wird nie den ganzen Segen der Erfüllung erfahren. […] Auf die größten, tiefsten, zartesten Dinge in der Welt müssen wir warten, da gehts nicht im Sturm, sondern nach den göttlichen Gesetzen des Keimens und Wachsens und Werdens.“

So dachte und schrieb einst Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) und spricht damit einen Kern des christlichen Glaubens an. Das WARTEN. Nun muss man natürlich unterscheiden, denn es gibt so vielerlei Formen des Wartens.Warten kann sinnlos sein. Auf den Bus, der nicht kommt. Warten kann schmerzhaft sein. Auf den ersehnten Anruf, der ausbleibt. Und Warten kann gähnend langweilig werden. Estragon und Wladimir sind die tragischen Helden in Samuel Becketts „Warten auf Godot“. Zwei Landstreicher, im Warten vereint. Auf Godot. Sie wissen nur ungefähr, wer das ist. „Trägt er Bart?“ Ja. „Ich glaube, er ist weiß.“ Immer wieder werden sie auf morgen vertröstet. „Was sollen wir jetzt machen?“ Warten. Estragon geht’s an die Nieren, er kann’s und will’s nicht mehr. „Komm, wir gehen!“ Sie können nicht. „Warum nicht?“ Sie warten. „Ach ja!“ Der Vorhang fällt und sie warten weiter. Immer weiter.

Adventliches Warten ist anders. Sehnlich. Zielgenau. Ermutigend. Überraschend. Denn adventliches Warten gibt nichts aufs Hörensagen, sondern hält sich an der Gewissheit fest: Dass er kommt, der Menschgewordene. Dass er uns unter die Haut fühlt, lange bevor wir es wahrnehmen. Dass er längst da ist mittendrin im Warten und meinem Warten Ziel und Richtung gibt.  Nun hat ja die moderne Adventszeit ein pädagogisch hervorragendes Konzept entwickelt, das auf Wichern zurück geht. Den Adventskalender, der inzwischen in so vielen Formen und Ausgestaltungen daherkommt, dass man sich nur wundern, aber auch daran erfreuen kann.

Und aus meinen eigenen Kindertagen weiß ich noch, dass der heutige 6. Dezember – der Nikolaustag ein wunderbare Zwischenstation darstellte. Schuhe geputzt und ins Fenster gestellt. Was für ein fröhliches Erwachen über Nacht. Ja, warten kann auch seine süße Seiten haben.

Die althergebrachte Form des Advents als eine Fasten- und Bußzeit ist schon lange in den Hintergrund getreten. Nicht umsonst hatte man zu Weihnachten den Festschmaus, waren doch die Wochen davor voller Entbehrung und des Verzichts. Heute gibt es schon soviel Leckeres in den Wochen davor, dass am Heilig Abend der Appetit schon fast gestillt ist oder man nur aus Gewohnheit weiter isst.  Aber dennoch – das Warten bleibt eine wunderbare fromme Übung im Advent. Da bin ich ganz bei Dietrich Bonhoeffer, denn Weihnachten ist ja noch mehr als nur gutes Essen.

Wir warten Dein o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen. Der langersehnte Besuch – bei mir ist es die Tochter – kommt. Endlich ist die Familie wieder einmal zusammen. Grußkarten und Weihnachtswünsche tun ihr übriges. Und natürlich die Geschenke! Auch jetzt noch freuen sich meine inzwischen erwachsenen Kinder über die Geschenke – und ich natürlich auch.

Das mit den Geschenken zu Weihnachten haben wir wiederum Martin Luther zu verdanken, da er den Lieblingsheiligen seiner Zeit – den heiligen Nikolaus etwas zurückdrängen wollte legte er uns nahe, dass doch das Christkind die Geschenke bringt. Es ist ja auch ein wunderbares Bild – das größte Geschenk.

Gott schenkt uns seinen Sohn – welch eine Verheißung, was für ein Grund der Freude.

Liebe Gemeinde, als aufgeklärte Christen und treue Gottesdienstgemeinde ist ihnen natürlich bewusst, dass der Festkreis Weihnachten auch seinen tiefen Schmerz in sich verbirgt. Dazu schreit das Elend in unserer Welt zu laut in alle Richtungen, als dass man es übersehen oder gar bei Seite schieben könnte. Einsamkeit und Gewalt, Verlust und Krankheit – dazu diese elende Corona-Pandemie; gerade zu Weihnachten wird uns das überdeutlich bewusst.

Der Kreis der Familie ist vielleicht kleiner geworden, weil Oma nun nicht mehr dabei ist, oder die Schwester nicht kommen kann, da sie ans Bett gefesselt ist. Und ich weiß, dass so mancher über Weihnachten nur darauf wartet, dass das Fest endlich vorbei ist, weil dann die Einsamkeit und das Elend nicht mehr so schmerzlich verdeutlicht wird.  Nikolaus wusste, wie er mit dem Elend seiner Zeit umzugehen hatte. Seine tief christlichen Taten haben dies gezeigt. Natürlich gehört vieles davon in den Bereich der Legende, aber solche Legenden müssen ja erst entstehen und das können sie nur, wenn der Kern seines Lebens und seines Tuns sich so an dem Evangelium, dass wir heute gehört haben, orientiert hat.

Aber auch die Propheten waren dran an Gottes Verheißung, die sich für uns Christen in der Advent-und Weihnachtszeit anbahnt. So schreibt Jesaja im 61. Kapitel. Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat.

Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden  10 Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die

Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.

Eines der schönsten Bilder für mich ist, dass unsere zerbrochenen Herzen verbunden werden. Gott nimmt unseren Schmerz und unseren Verlust wahr. Er weiß darum. Er rührt ihn an. Und immer wieder – eben alle Jahre – ruft er uns zu: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“  Er hat uns nicht vergessen oder im Stich gelassen, auch wenn die moderne Welt sich schon vielerorts von ihm abgewendet hat. Wartet, warten – die Frohe gute Botschaft ist auf dem Weg. Habt Geduld, es steht ein gnädiges Jahr uns bevor:  Es war einmal ein Bauer, der seine Felder bestellt und den guten Samen sät. Dann wartet er auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis der Frühregen kommt und der Spätregen auf sie niederregnet. Er wartet. Woher kommt ihm seine Geduld? Sie kommt daher, dass „er weiß, worauf und warum er wartet.“ (Karl Barth). Daraus erwächst sie ihm. Daraus wächst sie ihm zu. Sie steckt in der Gewissheit, dass es so kommt – und er am Ende ernten wird. So bedeutet Advent auch die Geduld eines Bauern zu haben, der die Samen pflegt und wachsen sieht und weiß, was auf ihn wartet! Wie die Propheten in ihrem Kampf für Gerechtigkeit, die wissen, dass er nicht vergebens ist.

Selbst wie Hiob, wenn alles verloren und aussichtslos scheint. Stärkt euer Herz daran. Und fasst Mut. Denn nichts ist wahrer. Nichts gewisser. Auf nichts ist mehr Verlass als darauf, dass er kommt.

Auch und gerade dann, wenn du nichts davon siehst und hörst und spürst und es nicht mehr glauben kannst. Die Geschichte, die damals in Betlehem begann, wird zu Ende erzählt werden. Aus dieser Gewissheit erwächst sie, die Geduld. Und aus dieser Gewissheit wird sie groß und stark und gibt unserem Warten einen tiefen Sinn.

Warten und einfach nichts tun? Das sei ferne höre ich Paulus rufen. Der Bauer wird ja kaum die Hände in den Schoß legen. Er wird seine Pflanzen hüten. Er wird seine Geräte pflegen und die Scheune ausmisten – weil die Ernte kommt. Auch die Propheten sind nicht still zu kriegen.

Der Kampf für Frieden und Gerechtigkeit in unserer Welt, für den Schutz der Kinder in den Lagern, für das Recht der Menschen auf der Flucht, für das Leben geht weiter, auch durch unser Engagement. Weil eben nicht das Leid am Ende steht. Eben weil Betlehems Geschichte zu Ende erzählt wird als Gottes Geschichte mit uns. Und ja, deshalb halten wir uns und einander daran fest wie Hiob, wenn auf Messers Schneide steht: dass hier das letzte Wörtchen nicht gesprochen ist. Wie lange müssen wir noch warten? Die Tage bis Heiligabend sind gezählt. Die Sehnsucht steigt und die heilige Ungeduld. Heute gab es für die Kinder und vielleicht auch uns schon einen kleinen Vorgeschmack. Nur noch eine kleine Weile, dann ist es so weit. Wir erinnern uns: dass Betlehem Zukunft hat und Gottes Lebensgeschichte.

Für uns und mit uns. Wer hätte das damals gedacht, dass wir heute noch immer daran festhalten, dass es wahr wird. Zweitausend Jahre später. Welch eine Geduld, welch eine Gewissheit, die Gott in uns aufbringt!

AMEN

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